1.Mai-Nachdemo stärkt herrschende Ordnung?
«Krawall stärkt die Ordnung»
Der Soziologe Dieter Rucht wartet zum 1. Mai mit einer verblüffenden These auf
ZÜRICH/BERLIN - Soziologen können ziemlich gemein sein. Da versuchen gewaltbereite Autonome in Zürich und Berlin seit Jahren mit immer gewalttätigeren Aktionen die brave Mehrheit gegen sich aufzubringen. Und ausgerechnet jetzt, ein paar Tage vor dem 1. Mai, kommt einer daher und stellt die Randalierer als in sich selbst verliebte Egozentriker hin. Dieter Rucht, «Protestforscher» am Wissenschaftszentrum Berlin, ist zwar sicher, dass es am Donnerstag wieder Krawalle geben wird. Statt revolutionärer Umtriebe sieht der Professor aber darin vor allem «Stammesrituale».
Zentrum der Aktionen in Zürich am 1. Mai ist traditionell der Kreis 4, rund um die Kaserne. Letztes Jahr gingen parkierte Autos in Flammen auf, das friedliche 1.-Mai-Fest auf der Kasernenwiese erstickte im Tränengas. Für die bürgerliche Mehrheitsgesellschaft, findet Rucht, hätten die Strassenkämpfe aber längst nicht nur einen negativen Effekt: «Die Empörung über den Krawall schweisst zusammen.» Der Professor glaubt, die bestehende politische Ordnung werde deshalb eher gestärkt als geschwächt.
Des Professors Erkenntnisse stammen aus Studien der Auseinandersetzungen am 1. Mai letzten Jahres. Mit 40 Studenten und Mitarbeitern war Rucht dabei in die Strassen Berlins ausgeschwärmt, um den Geheimnissen der Gewalt auf die Spur zu kommen. Verblüffendste Erkenntnis: Wie die Öffentlichkeit reagiert, scheint den meisten Strassenkämpfern egal zu sein.
Politische Botschaften spielen kaum eine Rolle
Die Akteure kämen vor allem zusammen, «um sich ihrer selbst zu vergewissern und für sich Sinn zu stiften», glaubt der Wissenschaftler. Die autonome Szene sei ziemlich zersplittert. Deshalb gehe es bei den Aktionen um «Abgrenzung gegenüber Rivalen» und um «ritualisierte Beschwörungen von Gemeinschaften». Die Übermittlung politischer Botschaften sei eher unwichtig. Auch von Anarchie könne kaum die Rede sein. Einer von Ruchts Kollegen stellt fest: Erlaubt scheine in der Szene das «revolutionäre Entglasen» von Schaufenstern, das Anzünden von Luxusautos oder das Steinewerfen auf gepanzerte Polizisten. Angriffe auf wehrlose Personen seien tabu.
«Heraus zum revolutionären 1. Mai!» steht dieser Tage wieder auf Flugblättern und im Internet. Doch die Bourgeoisie muss sich nicht wirklich sorgen. Die Quartiere der besser Verdienenden werden wohl weiterhin verschont bleiben. Ein Umsturz der Regierung wird erneut nicht stattfinden, und wie in jedem Jahr werden die herausgerissenen Pflastersteine bereits am 2. Mai wieder eingesetzt.
WERNER THIES
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11. Mai, 2003 um 19:55
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