Blocher gegen Kranke und Fremde

SVP-Politiker Christoph Blocher über schwache Menschen
«Wer krank ist, wird nicht mehr ernst genommen»

Die eine Seite:
Der Zürcher Unternehmer und SVP-Politiker Christoph Blocher kämpft gegen die Mütter beziehungsweise die Mutterschaftsversicherung.
Gegen Ausländer und Asylsuchende, gegen «Scheinflüchtlinge», gegen Randständige. Vehement kämpft der Milliardär im Moment mit Artikeln und Inseraten gegen IV-Bezüger und psychisch Kranke, gegen, wie er sie nennt, «Scheininvalide». Christoph Blocher kämpft gegen Schwache und Fremde.

Die andere Seite:
Viele der zehn Geschwister von Christoph Blocher engagieren sich in sozialen Berufen. Als Krankenschwester, Obdachlosen-Mutter, Sozialarbeiterin, Flüchtlingshelferin, als Pfarrer. Christoph Blochers Geschwister kämpfen für Schwache und Fremde.

Es stellen sich Fragen:
Können Geschwister so unterschiedlich sein? Kämpft Christoph Blocher wirklich in erster Linie gegen Geldverschwendung für Schwache? Oder kämpft er vor allem gegen seine Familie – und sich selbst?
Der Solothurner Psychiater und Psychotherapeut Hans Kurt sagt im Interview mit SonntagsBlick: «Es wäre durchaus vorstellbar, dass sich Herr Blocher durch sein Handeln gleichsam von den ‹weichen›, den sozial engagierten Mitgliedern der Familie abgrenzen muss.»

Die Familie Blocher. Vater Wolfram war streng und konservativ, und von der Kanzel geisselte er Trunksucht und Laster jeder Art. Aber er engagierte sich letztlich sozial: Als Pfarrer in Laufen ZH am Rheinfall ZH war er da für Mitmenschen.

• Blochers Schwester Therese Bach-Blocher (65) setzt sich beruflich für Flüchtlinge ein. Sie ist in der SP engagiert. Sie war letztes Jahr Mitglied des zivilen Komitees für den Uno-Beitritt. Den Uno-Beitritt, den ihr Bruder zu verhindern suchte.
• Blochers Schwester Judith Giovannelli-Blocher (71), Christophs älteste Schwester, ist gelernte Sozialarbeiterin und Schriftstellerin. Sie gehört zur «Soziallobby», die ihr Bruder bekämpft.
• Die jüngste Schwester Gertrud ist Familienberaterin und Katechetin.
• Blochers Schwester Sophie Blocher starb letztes Jahr 66-jährig. Sie zeichnete sich im Einsatz für Schwache besonders aus. Als Krankenschwester und Hebamme in Afrika, als Gründerin eines Obdachlosen-Heims bei Basel. Sie engagierte sich für psychisch Kranke. Die psychisch Kranken, die ihr Bruder angreift.
Die anderen Geschwister sind in dienenden oder künstlerischen Berufen tätig: Pfarrer, Hausbeamtin, Hauspflegerin, Mittelschullehrer, Malerin und Dichterin.
Wogegen kämpft Blocher?
Vor Jahren befragte SonntagsBlick Christoph Blocher zu Gerüchten, wonach er schwer krank sei. Er sei gesund, sagte Blocher. – «Wenn Sie krank wären, könnten Sie es ja sagen, das wäre keine Schande.» Der Politiker antwortete sinngemäss: «Nein. Wer krank ist, der gilt als schwach und wird nicht mehr ernst genommen.»
Der Kampf gegen Schwache ist oft auch ein Kampf gegen die eigene Schwäche. Weil Schwäche einfach nicht sein darf. Wer sie nur hart genug bekämpft, der beweist sich, dass er selbst stark ist.
Psychiater Kurt sagt: «Wieso will jemand dauernd gewinnen, den andern den Meister zeigen? Auch hier gibt es verschiedene Vermutungen wie etwa ein strenger, übermächtiger Vater, gegen den ein Leben lang rebelliert werden muss.»
Christoph Blocher ist ein Rebell. Ein Rebell gegen Filz, Bürokratie, Politsystem und Pfründenwirtschaft.
Er ist ein Rebell gegen seine Familie. Gegen seinen Vater, gegen seine älteren Schwestern. Judith Giovannelli-Blocher beschreibt die Rebellion ihres jüngeren Bruders in ihrem autobiografischen Buch «Das gefrorene Meer»: «Er steigt aufs Küchentaburett und postiert sich als Redner, wettert über Vaters und Grossvaters Bibliotheken, eine Gegenmacht zu den verstaubten Büchereien muss er entfalten, aber der Fels, gegen den er anrennt, scheint aus Granit zu sein.»
Christoph Blocher ist ein sensibler und verletzlicher Mensch. Das zeigt sich in seinem Gespür für politische Entwicklungen und Sorgen der Menschen. Unter vier Augen ist er ein offener und selbstkritischer Gesprächspartner. Gegen aussen verbirgt er diese Sensibilität. Im öffentlichen Auftritt wird er oft zum selbstgerechten Haudegen.
Blocher hat zwei Gesichter: das harte und das weiche, das starke und das schwache. Wenn er sich von Schwäche abgrenzt, grenzt er sich von sich selber ab.
Das hat wohl auch seine verstorbene Schwester Sophie gewusst, die ihn öffentlich kritisierte. Im April 2000 sagte sie: «Ich wünsche meinem Bruder klare Augen.»

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