Stress mit der SVP
Lesenswertes Interview mit SVP-Schreck Stress aus dem Tagi.
Der Lausanner Rapper Stress gilt als Idol einer Generation, die viele verloren glauben. Ein Gespräch über die Politik der SVP, die Zukunft der Schweiz und die Hiphop-Monokultur.
In Ihrem aktuellen Video zu «Mais où?» gibt es eine kurze Sequenz, in der Sie einem Mann mit Blocher-Maske in zweideutiger Pose den Hintern versohlen . . .
Es ist eine Metapher für Blochers eigene Methoden. Eine Replik auf die neue Werbekampagne der SVP, die den Anstieg der Jugendkriminalität erklärt, indem sie mit dem Bild eines Hiphoppers auf eine 185-prozentige Zunahme der Gewalt bei jungen Ausländern verweist. Sie sagt aber nicht, dass die Gewalt bei jungen Schweizern um 265 Prozent angestiegen ist. Die Politik der SVP ist rassistisch und baut auf Manipulation und Polemik. Das macht mich wütend. Ich zahle mit gleicher Münze zurück. Das mag albern sein, aber anders werde ich nicht gehört. Das habe ich gelernt.
Dazugelernt hat auch die SVP. Vor zwei Jahren hat die Junge SVP eine Entschuldigung für Ihr Lied «Fuck Blocher» verlangt, jetzt schreibt Nationalrat Oskar Freysinger als MC Oskar direkt einen Konterrap.
Freysinger sieht sich selbst als Schriftsteller und drängt mit seiner «Kunst» laufend an die Öffentlichkeit. Solange er nur auf den Mann spielt und nicht inhaltlich argumentiert, ist sein Beitrag wertlos. Vor einer Woche waren Freysinger und ich im welschen Radio zur Debatte geladen. Schon da hat er kein seriöses Gespräch führen wollen. Er hat bloss die Presse kritisiert, weil sie mir Raum gibt, und in Anspielung auf meine estnischen Wurzeln gemeint, ich könne die Schweiz verlassen, wenn es mir hier nicht gefalle. Am Ende sagte er rappend, er wolle auf meinen Grabstein schreiben: «Hier liegt der Schwanz, der nicht gelutscht wurde.» Da war ich dann doch überrascht.
Sie beklagen auf Ihrer neuen Platte selbst die Klischees, an denen Hiphop krankt. Dass man Dealer- und Knasterfahrung haben müsse, um als Rapper zu gelten etwa.
Es gibt überall Gutes und Schlechtes. Beim Hiphop wird einzig auf die Schattenseiten fokussiert. Jedes Mal, wenn es an einer Hiphop-Party zu einer Schlägerei kommt, ruft die welsche Presse nach einem Kommentar von mir. Wenn ich aber ein Konzert gebe und sich alle amüsieren, meldet sich niemand. Das ist lächerlich. Für mich ist Hiphop nach wie vor eine Musik, die sich traut, Klartext zu sprechen - bisweilen in drastischen Worten.
Die meisten Bilder des Hiphop frönen tatsächlich dem Gangster-Karrierismus.
Wirklich krank sind doch all diese Formate auf MTV wie «I’m Rich and Famous», «Pimp My Ride» oder «Watch My Crib». Die haben für mich nichts mit Hiphop zu tun. Da wird den Jungen Hoffnung gemacht auf einen Luxus, den sie sich nie werden leisten können. So verwirrt man die Jugendlichen nachhaltig.
Hiphop ist doch prägender Teil dieser Bling-Bling-Welt.
Hiphop ist Teil von allem. Das hat mit dem Markt zu tun, mit Investoren. Hiphop war einmal der Ausdruck einer Subkultur, heute ist er Mainstream. Da setzt sich immer in erster Linie durch, was sich besonders eignet als Katalysator zur Alltagsflucht. Oder als Geschmacksverstärker.
Sie spielen in «Breakout» mit, einem Film, der viele Hiphop-Klischees zementiert.
So geht es beim Film. Zwischen dem ursprünglichen Projekt und dem Endprodukt liegen oft Welten. Im Nachhinein sehe ich auch, dass die «Breakout»-Macher nicht an Hiphop interessiert waren. Er diente ihnen als flotter Aufhänger, sie sind Geschäftsleute. Es gibt im Film viele Unstimmigkeiten und Übertreibungen. Doch der düstere Grundton gefällt mir, der ist neu für die Schweiz. Ich denke, die Atmosphäre entspricht dem Empfinden der heutigen Jugend.
Apropos Schweiz: Auf dem Cover Ihrer neuen Platte beerdigen Sie das Land. Woran ist es gestorben?
Die alte Schweiz hat sich zu sehr an gewisse Dinge gewöhnt. Früher war der Lebensweg relativ gerade vorgezeichnet: Nach der Schule kam die Lehre, die Arbeit, man heiratete, bekam Babys. Das funktioniert heute nicht mehr. Es gibt weniger Sicherheit, mehr Multikulturalität, mehr Gewalt. Das Leben ist verwirrend geworden.
Jetzt klingen Sie ja selbst wie ein SVP-Vertreter.
Nein, nein! Ich meine bloss, dass die Insel Schweiz in Europa angekommen ist und sich mit Problemen konfrontiert sieht, die anderswo längst Alltag sind. Dies erfordert eine Veränderung im Denken. Es braucht mehr Flexibilität. Meine Mutter ist auf dem Arbeitsamt tätig. Sie erzählt, dass sich viele weigern, 50 Kilometer von zu Hause entfernt zu arbeiten. Da muss ich mich schon sehr wundern. Aufwachen! Doch die Erneuerung des Landes ist am Laufen. Immer mehr Leute arbeiten zum Beispiel als Freelancer. Zwar wissen sie nicht, wie sie nach Ablauf eines festen Mandats ihre Rechnungen bezahlen werden, aber sie fühlen sich o. k. dabei.
Das wiederum tönt nach FDP.
Es ist die Realität. Der Umbruch ist hart und schwer, aber ich bin überzeugt, dass die Gesellschaft dynamischer wird. Ich empfinde Flexibilität als eine Qualität. Sie bringt mir Unabhängigkeit.
Sie begrüssen das Aufbrechen alter Strukturen. Trotzdem fordern sie im Lied «Ma Suisse» mehr Patriotismus?
Ich sage, ich wünsche mir eine stolze Schweiz, ja, und dies nicht nur während der Fussball-WM. Es gibt hier viele talentierte Leute, aber die stellen immer alle ihr Licht unter den Scheffel. Sie werden auch zu wenig gefördert. Es ist wichtig, dass man stolz ist auf seine Kinder.
Wie sieht es denn mit dem Schweizer Hiphop aus? Ist der Weltanschluss geschafft?
Ich mag die Vielseitigkeit. Stress, Gimma, Baze, Greis, Griot - alle klingen anders. Ich sehe dies als Entsprechung zu den gesellschaftlichen Veränderungen hier zu Lande. Dabei ist die Schweiz offener als etwa Frankreich. Dort tönen alle gleich. Setzt sich doch mal ein neuer Sound durch, schwenken alle sofort um. Da herrscht eine Schafsmentalität. Das ist allerdings generell ein Hiphop-Problem.
Inwiefern?
Erstens können Hiphopper schlecht verlieren. Zweitens verfügen viele über einen beschränkten Musikhintergrund. Wer keine eigenen Ideen hat, gerät schnell in Versuchung, andere zu kopieren. Als ich 17 war, hatte ich keine Ahnung, wer KeithRichards ist. Ich habe über die Jahre mein Wissen vergrössert und versucht, offen zu bleiben. Darin liegt der Erfolg von Starproduzenten wie den Neptunes doch begründet: Die kennen alles. Sie nehmen von hier etwas, von da und dort, schmeissen es zusammen und bearbeiten es neu. Sie erfinden zwar nicht das Rad neu, aber sie klingen frisch. In dieser Arbeitsweise liegt generell die Zukunft der Musik.
Der Anti-Stress-Rap von Nationalrat Oskar Freysinger ist zu lesen auf: www.bafweb.com/2007/02/10/mc-oskar-represente
Dieses Thema im Forum diskutieren.Ähnliche Artikel:
24. Februar, 2007 um 14:34
Scheisse Stress!
Hör auf zu versuchen auf so einem tiefen Niveau Politik zu betreiben!!!
Zum Glück verstehe ich fast kein Franz sonst müsste ich mir das auch noch anhören was der rauslässt!
25. März, 2007 um 15:17
«Scheisse Freysinger! Hör auf auf so einem tiefen Niveau Politik zu betreiben!!!»
Wobei der Mann vermutlich gar nicht anders kann - er ist eben so. Vielleicht ist er aber trotzdem kein hoffnungsloser Fall, und er sollte mal eine Psychotherapie machen. Die würde vielleicht gegen seine sexuellen Obsessionen und gegen seine Homophobie etwas nützen…