Wie viel Schwachsinn kann die SVP in eine einzige Medienmitteilung packen?
Schwachsinn Nr. 1: In ihrer neusten Medienmitteilung wundert sich die SVP angeblich über die gestiegene Sozialhilfequote von 3 auf 3.3 Prozent im Jahr 2005.
Zum zweiten Mal veröffentlichte heute das Bundesamt für Statistik die nationale Sozialhilfestatistik. Diese brachte Erstaunliches zu Tage: Trotz positiver Wirtschaftsentwicklung hat sich die Sozialhilfequote von 3 auf 3.3 Prozent erhöht.
Erklärung des “Wunders”: Im 2005 bahnte sich der wirtschaftliche Aufschwung erst langsam an, die Sozialhilfequote hinkt der Konjunktur aber erfahrungsgemäss um 2-3 Jahre hinterher. Der Anstieg der Sozialhilfefälle im 2005 ist somit auf die wirtschaftliche Krise in den Jahren 2001 bis 2004 zurückzuführen. Eigentlich ja nicht sooo schwierig zu kapieren, aber eben, SVP-ler und denken…
Unfug Nr. 2: Als zweites will uns die SVP glauben machen, Linke Politik führe zu mehr Sozialhilfefällen.
Besonders augenfällig ist, dass Kantone, welche von einer linken Mehrheit regiert werden (so etwa Basel Stadt, Genf oder Bern), überdurchschnittlich viele Sozialhilfeempfänger zählen. Ausserdem wird klar, dass insbesondere die lasche Sozialhilfepraxis der Städte, welche jüngst am Beispiel von Zürich der breiten Öffentlichkeit vor Augen geführt wurde, katastrophale Auswirkungen zeitigt. Allein die grössten fünf Städte Zürich, Genf, Basel, Bern und Lausanne stellen einen Viertel der Sozialfälle.
In den grossen Städten gibt es überproportional viele arme Familien, Schweizer wie Ausländer, und folglich auch mehr Sozialfälle. Mit linken oder rechten Regierungen hat dies genau nichts zu tun, sondern mit Soziodemographie. Die Land- und Stadtbevölkerung ist nunmal nicht gleich zusammengesetzt. Wer zum Beispiel vermögend ist, zieht oft auf’s Land, baut sich ein hübsches Einfamilienhäuschen im Grünen und wählt SVP. Dass Hausbesitzer mit zwei Offroadern in der Einfahrt eher nicht zur typischen Sozialhilfeempfänger-Klientel zählen versteht sich von… aber egal.
Und dann wird’s nur noch debil, Dummheit Nr. 3:
In städtischen Zentren ist die Sozialhilfequote fast viermal so hoch wie auf dem Land! Kein Wunder - denn für Frau Stocker gehört selbst ein neuer BMW zum Grundbedarf.
Hallo Logik? Wenn für Frau Stocker und das Zürcher Sozialamt ein BMW zum Grundbedarf gehören würde - was natürlich nicht stimmt - dann wäre der auf Kosten des Sozialamtes geleaste BMW folglich kein Missbrauch. Irgendwie kreuzverkehrt diese SVP-Logik. Und wer solch offensichtliche Lügen in Medienmitteilung verbreitet, braucht sich nicht zu wundern, wenn sich Zeitungsredaktionen weigern den Mist abzudrucken.
Blödsinn Nr. 4:
Die neuen SKOS-Richtlinien haben ihr Ziel offensichtlich nicht erreicht. Trotz guter Wirtschaftslage steigt die Fallzahl an.
Wieso den selben Schwachsinn (siehe Nr. 1) nicht gleich zweimal in einer Medienmitteilung verzapfen? Alles möglich bei dieser kognitiv-abstinenten Partei…
Noch mehr Schwachsinn, Nr. 5: Die Ausländer sind schuld!
Zudem ist das Missbrauchspotential erheblich. Ein Indiz hierfür ist die stark überproportionale Vertretung von Ausländern unter den Sozialhilfebezügern. Sie stellen einen Anteil von 20.4 Prozent an der Schweizer Bevölkerung und beziehen gemäss heute veröffentlichten Zahlen 43.8 Prozent der Sozialhilfe!
Jede Armutsstatistik zeigt auch, dass Ausländer doppelt so oft von Armut betroffen sind wie Schweizer, ergo mehr Sozialhilfebezüger stellen werden. Weitere Gründe für dieses Phänomen liefert das RainbowNet Blog Schweiz.
Jetzt wir’s primitiv, wir sind bei Dummheit Nr. 6:
Nachdem bereits in der IV eine massive Balkanisierung herrscht, muss jetzt auch bei der Sozialhilfe Transparenz betreffend Bezüger-Nationalitäten geschaffen werden. Die Gefahr, dass die Balkanisierung auch in der Sozialhilfe besteht, ist erheblich.
Quelle: SVP
Die Fakten: Die Missbrauchsquote bei der IV wird von Experten auf zwei bis acht Prozent geschätzt, das Sozialamt in Zürich geht von 5 Prozent aus. Die Privatversicherer in der Schweiz rechnen dagegen mit einer nicht verhinderbaren Missbrauchsquote von 10 Prozent, so viel zu den Relationen oder mit anderen Worten: statistisch gesehen zockt jeder zehnte SVP-ler seine Versicherung ab, betreibt also Missbrauch auf Kosten der 90% fairen Prämienzahler.
Die SVP missbraucht den Begriff Missbrauch einmal mehr für ihren primitiven, mit Lügen und Halbwahrheiten gespickten Wahlkampf auf dem Buckel von Ausländern. Die Quittung bekommt die Lügenpartei hoffentlich im Oktober an der Urne präsentiert. Wer das Volk dermassen mit plumpen Ammenmärchen hinters Licht führen will, hat in der Politik nichts verloren.
Dieses Thema im Forum diskutieren.Ähnliche Artikel:
28. Juni, 2007 um 10:42
Eines muss man diesen SVP-Idioten lassen: Lügen und Halbwahrheiten erzählen können sie.
28. Juni, 2007 um 14:51
“Die Fakten: Die Missbrauchsquote bei der IV wird von Experten auf zwei bis acht Prozent geschätzt, das Sozialamt in Zürich geht von 5 Prozent aus. Die Privatversicherer in der Schweiz rechnen dagegen mit einer nicht verhinderbaren Missbrauchsquote von 10 Prozent, so viel zu den Relationen oder mit anderen Worten: statistisch gesehen zockt jeder zehnte SVP-ler seine Versicherung ab, betreibt also Missbrauch auf Kosten der 90% fairen Prämienzahler.”
Sag mal, du glaubst das ganz ehrlich ? Also eine “nichtverhinderbare Missbrauchsquote” von 10 % bei bei den Privatversicherern mit ihren Privatdetektiven und von ca 5% beim Sozialamt ? Also massiv mehr Betrug bei gerade den Versicherern, die das grösste Interesse daran haben möglichst wenig auszuzahlen, gegenüber einer Institution bei der es eine völlig untergeordnete Rolle spielt, wieviel sie schlussendlich auszahlt ? Ach ja, ich vergass, Frau Stocker hat das gesagt
PS: Freue dich schon mal auf den Weihnachtsmann, den gibt es nämlich wirklich.
28. Juni, 2007 um 15:29
Die rund 10% “nicht verhinderbaren” missbrauchsfälle kann dir jede versicherung bestätigen. Es gibt einen trade-off zwischen quote senken und dem zusätzlichen kontrollaufwand. mehr kontrolle bedeutet mehr lohnaufwand und da versicherungen hohe löhne bezahlen müssen, lohnt es sich nicht die missbrauchsquote weiter zu senken. und da diese 10%-regel schon seit jahren bekannt ist, ist dies offenbar die kritische grenze, ab der es sich nicht mehr lohnt verstärkt zu kontrollieren. kommt hinzu, dass je tiefer die quote gedrückt werden soll, desto teurer wird jedes zusätzliche prozent missbrauch, das verhindert wird. natürlich könnte man immer noch besser kontrollieren, aber das letzte prozent betrüger zu erwischen, also die ganz schlauen, würde wohl mehr kosten als die gesamten regulären ausgaben. warum? weil die schlauen betrüger auch die grossen summen abzocken. wer viel riskiert, ist dementsprechend vorsichtiger. für die versicherungen ist es bequemer die prämien zu erhöhen als jagd auf die schlauen betrüger zu machen.
28. Juni, 2007 um 16:26
@hugo
Genau. Und mal angenommen du wärst ein Betrüger; welche Versicherung würdest du jetzt denn wohl eher abzocken wollen ? Diejenige, welche bei Verdacht Privatdetektive auf dich hetzten kann und dich mit der geballten Macht des Strafgesetzes verfolgen wird, oder diejenige, bei der dies mehr als Kavaliersdelikt angesehen wird und bei welcher du meistens nicht viel mehr als die Einstellung der Leistungen riskieren wirst?
28. Juni, 2007 um 17:14
genau was? missbrauch ganz zu verhindern ist unmöglich, warum wohl wird in läden geklaut trotz überwachungsanlagen und ladendetektiven? warum wird schwarz gefahren trotz kontrolleuren und saftigen bussen? es ging im artikel darum zu zeigen, dass es verlogen ist den missbrauch beim sozialamt auf kosten der armen zu skandalisieren und andernorts (zum beispiel bei überrissenen managerlöhnen oder steuerhinterziehung) wegzuschauen. die medienmitteilung ist schlicht und einfach eine ansammlung von lügen sowie verdrehungen der tatsachen. der svp ist schliesslich bewusst, dass bei privatversicherern genau gleich betrogen wird. warum also nimmt die svp nicht auch die privatversicherungen aufs korn? wieso hat es die svp nötig fälschlicherweise zu behaupten, für frau stocker gehöre ein bmw zum grundbedarf? sie könnte auch sachlich eine verstärkte kontrolle fordern, dann aber auch das geld für den zusätzlichen kontrollaufwand zur verfügung stellen, sonst geht die ganze wahlpropaganda-aktion nämlich wirklich nur auf kosten der fairen sozialhilfebezüger über die bühne. und ganau hier liegt der hund begraben: der svp ist es scheissegal, wenn faire sozialhilfebezüger schlussendlich unter ihrer missbrauchskampagne zu leiden haben. und ausserdem hat die svp ja das kleinste interesse an weniger sozialmissbrauch, nicht?
28. Juni, 2007 um 20:16
Ich frage mich bei solchen Meldungen immer, warum macht die SVP nicht auch Jagd auf Steuerbetrüger? Ja, warum wohl?
Ganz einfach, weil die SVP
a) findet, dass Steuern hinterziehen immer noch ein Kavaliersdelikt ist,
b) überzeugt ist, dass der Kampf gegen die Steuervögte ein ur-schweizerischer Kampf ist,
c) sicherlich nicht Jagd auf ihre eigene Wählerschaft macht.
28. Juni, 2007 um 20:19
Und wieder führt uns die SVP in bester Populismus-Manier vor, wie man Lügen zu Wahrheiten umwandelt: Man wiederholt ein Lüge einfach so lange, bis sie sich in die Hirne der Leute eingefressen hat, und diese glauben, dass es war ist.
Alter Trick, aber die Leute (vornehmlich die SVP-Wähler) fallen trotzdem noch immer darauf ein (es ist ja einfacher, etwas nachzuplappern, als sich selbst eine wohl-fundierte Meinung zu bilden).
28. Juni, 2007 um 22:04
d) die hohen SVP-Tiere selbst Steuern hinterziehen???
29. Juni, 2007 um 20:48
Mist, den offensichtlichsten Grund hatte ich vergessen.
29. Juni, 2007 um 20:51
@Birkenstock
Glauben kannst Du in der Kirche. Im Gegensatz zu Dir und anderen SVP-Sympatisanten glauben wir nicht, das Informationen stimmen (oder nicht), sondern wir WISSEN es.
01. Juli, 2007 um 13:26
Diese Idioten bringen wirklich beunruhigend viel Schwachsinn in eine Medienmitteilung. Die Ausländer beziehen 43.8 Prozent der Sozialhilfe. Bei all dem Gejammer der SVP über die Ausländer könnt man ja meinen, die würde ca. 90 Prozent beziehen. Ausserdem möchten viele Sozialbezüger gerne arbeiten, können aber nicht. Ich zum Beispiel kenne einen 16 Jährigen Türken, der in der 9.Klasse sehr intensiv nach Lehrstellen gesucht hat, jedoch keine fand. Wer jetzt denkt, das lag an den Schulleistungen, der teuscht sich: Er war in allen Fächern (ausser Deutsch) unser Klassenbester. Auch in der Deutschen Grammattik war er besser als die meisten Schweizer. Als er keine Lehrstelle fand, ging er schliesslich ins Gymnasium. Ich bin mir sicher, dass das an seiner Nationalität lag, denn anders kann ich mir das kaum erklären. Es ist ja bekannt, dass Ausländische Jugentliche es besonders schwer bei der Stellensuche hätten.
01. Juli, 2007 um 13:27
@m
Ja, wir wissen, wir glauben nicht.